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Geschützt hinter Schleusen


Häfen in Gezeitengewässern und insbesondere in der Bretagne waren für mich nach vielen Jahren Segeln im Mittelmeer schon ein wenig gewöhnungsbedürftig. Da läuft das Wasser im Hafen zweimal pro 24 Stunden einfach aus wie aus einer Badewanne, bei der jemand den Stöpsel rausgezogen hat. Unser momentaner Heimathafen les Minimes in la Rochelle wurde zwar so tief ausgebaggert, dass auch bei tiefster Ebbe genügend Wasser für unser Schiff zurückbleibt. Trotzdem beobachtete ich zu Beginn immer misstrauisch unser Echolot, wenn wir so tief abgesunken waren, dass ein Spaziergang über den Schwimmsteg auf die Hafenmole einer Kletterpartie gleichkam.

Nach und nach lernte ich die diversen Hafenvarianten an der französischen Atlantikküste kennen und schätzen. Da gibt es die Häfen, die bei Ebbe trockenfallen. Besitzt man einen Katamaran oder ein Schiff mit Doppelkiel, die nicht umkippen, wenn sie auf dem Meeresboden stehen, ergeben sich einige Vorteile. Bei Ebbe kann man schon mal das Unterwasserschiff reinigen, Reparaturen an Teilen ausführen, die sonst unter Wasser liegen oder für das Nachtessen, Muscheln und Austern gratis rund ums Boot einsammeln.

Aber es gibt noch weitere Varianten: Häfen mit einer Schwelle (aus Sand oder Gestein), die verhindert, dass alles Wasser ablaufen kann oder mit Schleusentoren, die bei Ebbe ganz einfach geschlossen werden. Eine tolle Sache, denn hinter einer solchen Schleuse ist man bestens geschützt. Der Wasserstand schwankt kaum mehr und die Schleuse hält zudem zuverlässig mühsamen Seegang und Schwell ab. Leider gibt es da aber auch ein paar kleinere Nachteile.....

Richtet sich im Mittelmeer der Zeitpunkt zum Verlassen des Hafens nach persönlichen Vorlieben, vielleicht noch danach, wie weit entfernt der nächste Ankerplatz ist, bestimmen hier am Atlantik die Gezeiten den Zeitpunkt des Ein- und Auslaufens. Die Schleuse wird nur geöffnet, wenn genügend Wasser vorhanden ist. Das sind je nach Hafen so um die 2 bis 3 Stunden während der Flutzeit. Immerhin gibt es 2x täglich Flut, doch nachts bleiben die Schleusen trotzdem meist geschlossen. So findet man sich oft viel zu früh am Morgen am Leinen lösen, weil die doofe Flut blöderweise schon um 5 Uhr 30 stattfindet. Ausschlafen, gemütliches Frühstück oder vielleicht eine letzte Shoppingtour im Städtchen fällt aus. Dauert der Segeltörn wegen schlechten Wind- und Wetterverhältnissen länger als geplant und man erreicht den Hafen verspätet – ist die Schleuse geschlossen und man muss nun mindestens neun Stunden draussen warten, bevor sie wieder öffnet, obwohl die nahen Lichter der Restaurants im Hafen locken und der Magen knurrt.

So ist es nicht verwunderlich, dass immer mehr Häfen und Zufahrtskanäle genügend tief ausgebaggert werden, so dass ein Ein- und Auslaufen jederzeit möglich ist. Definitiv bequemer! Aber auch viel langweiliger!

Mein absoluter Favorit in Sachen spannender Häfen liegt im Städtchen Ars en Ré auf der Insel "île de Ré". Der Zufahrtskanal führt durch Felder und Wiesen bis zum Hafenbecken, dessen Auslaufen durch eine hohe Schwelle gesichert ist. Im Zufahrtskanal und über der Schwelle gibt es aber in der Regel nur während 2 bis 3 Tagen im Monat während einer sehr hohen Springtide (bei Vollmond oder Neumond) genügend Wasser. Wer diese Tage verpasst, bleibt für einen Monat im Hafen ein- oder aus dem Hafen ausgeschlossen. Ein wahre Machtdemonstration der Natur!


Oft gibt es in Häfen zusätzlich noch eine Brücke, die während der Schleusenöffnung für den Schiffsverkehr nach Bedarf und Anfrage über Funk vom Hafenmeister geöffnet werden kann. In nebenstehendem Video sieht man unsere Ausfahrt aus dem Bassin des Chalutiers (la Rochelle) durch die geöffnete Schleuse und Brücke.

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